Sonntag, 5. Juli 2015

                     

Auf Herz und Nieren geprüft . . .



Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hielt man in religiösen Kreisen das Herz oder die Nieren für jenen Teil des Körpers, der die Empfindungen und damit die Gesinnung eines Menschen repräsentiert.

Die Bibel ist hier ein Dokument dieses Zeitgeistes.


Psalm 26:2 "Prüfe mich, Herr, und erprobe mich, erforsche meine Nieren und mein Herz."

Jeremia 20:12 "Und nun, Herr Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen."

1.Johannes 3:19-20 "Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge."

Apostelgeschichte 1,24 Dann beteten sie: Herr, du kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast. (Was folgt ist eine Entscheidung durch das Los.)

Offenbarung 2,23 Ihre Kinder werde ich (der Sohn Gottes) töten, der Tod wird sie treffen, und alle Gemeinden werden erkennen, daß ich es bin, der Herz und Nieren prüft, und ich werde jedem von euch vergelten, wie es seine Taten verdienen.







Die bayerischen Könige haben aus diesem Grund ihr Herz bis ins 20. Jahrhundert hinein im Wallfahrtsort Altötting in einem kostbaren Gefäß gesondert bestatten lassen. Die Herzen vieler Wittelsbacher, so z.B. des Kurfürsten Maximilian III. Josef befinden sich hier in der achteckigen Gnadenkapelle. 27 Herzurnen bayerischer Fürsten sind gegenüber dem altehrwürdigen Gnadenbild Mariens im Mittelschrein in zwei Bogennischen beigesetzt. Seit acht Jahrhunderten war es Brauch, die Herzen der verstorbenen Landesherren aus dem Leib zu nehmen und in silberne Urnen gebettet nach Altötting zu bringen, unter ihnen auch das Herz Ludwig II. Zwei Monate nach dem Tod des Monarchen, am 16. August 1886, wurde die 65 Zentimeter hohe neubarocke Urne mit dem Herz Ludwig II. auf dem Schienenweg vom Münchener Ostbahnhof zum Kapellenplatz in Altötting gebracht. Nach dem Gottesdienst verbrachte man das Gefäß, dessen Herzkapsel aus Zinn besteht, an seinen Platz in einer der Nischen, wo es heute noch steht und zu bewundern ist.

(Quelle: http://www.koenigludwigzwei.de/altoetting.html)

Die Menschen haben gefühlt, dass das Herz bei Erregung schneller schlägt und Angst zu Harndrang führt, also an die Nieren geht. Heute wissen wir, dass das Herz und die Nieren durch das vegetative Nervensystem gesteuert werden. Indirekt trägt auch die Gemütsverfassung, die in Nervenzentren des Gehirns gebildet wird, durch Ausschüttung von Neurotransmittern zur Erregung des Herzens bei (mehr dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/Herz). Die Menschen damals haben aus ihrem Gefühl heraus Symptome zur Ursache gemacht. Dies rührt daher, weil unsere Innenansicht aus der Interpretation von Nervensignalen gebildet wird, deren Herkunft nicht immer klar ist.

Dem Gehirn konnte man lange Zeit keine Funktion zuweisen. Nervenzellen kennt man erst etwa seit dem 19. Jahrhundert. In unserem Bewusstsein erscheinen sie nicht. Deshalb kommen Nervenzellen in den antiken Überlegungen zum Thema Geist nicht vor. Man wusste zwar, dass ein Mensch durch einen Schlag auf den Kopf sterben kann. Aber man wusste nicht warum.


Richter 9:52-54

Und Abimelech bahnte sich den Weg bis zum Turm und eröffnete den Kampf gegen ihn, und er ging weiter hinauf, nahe an den Turmeingang heran, um ihn mit Feuer zu verbrennen. Da warf eine gewisse Frau einen oberen Mühlstein auf Abimelechs Kopf und zerschmetterte seinen Schädel. Da rief er schnell den Burschen, der ihm die Waffen trug, und sprach zu ihm: "Ziehe dein Schwert und gib mir den Todesstoß, damit man nicht von mir sage: 'Ein Weib hat mich getötet'". Sogleich durchstach ihn sein Bursche , so dass er starb.

Auch die Intelligenz von Tieren wurde deshalb im alten Israel total überschätzt. Deshalb können sich auch göttliche Mächte der Tiere zur Übermittlung von Botschaften bedienen. Siehe die Schlange im Paradies oder den Esel in 4. Moses 22:28.




Ijob 38,36
Wer verlieh dem Ibis Weisheit, oder wer gab Einsicht dem Hahn?

Auch die stellvertretende Sühneleistung, wobei man Tiere als Blutopfer dargebrachte, war nur möglich, weil man Tiere als annähernd gleichwertige Partner betrachtete.

In christlicher Zeit wurde die Bedeutung des Menschen herausgestellt. Da galten dann Tiere als seelenlose Wesen, nur mit einem Instinkt ausgestattet, der es ihnen erlaubt nach einem Reiz-Reaktionsschema zu handeln. Gerade ältere katholischen Theologen sehen dies auch heute noch so (2004), denn wenn man Tieren einen Verstand und einen Charakter zubilligt, dann sind sie nicht nur willenlose Geschöpfe, sondern können bösartig sein und damit auch Sünden begehen. Das Sühneopfer, das mit dem Tod von Jesus dargebracht wurde, gilt jedoch nur für menschliche Sünden.

Die philosophischen Konzepte der Antike gehen alle von der makroskopischen Sicht der Natur aus. Es gibt aber eine makroskopische Betrachtungsweise und eine mikroskopische. Die Neurologie / Physik / Chemie liefern uns die mikroskopische Betrachtungsweise.

Beispiel: Ein Ziegelstein ist aus makroskopischer Sicht ein starres Gebilde. Aus makroskopischer Sicht liegt er ruhig da. Es ist keine Bewegung feststellbar. Mikroskopisch betrachtet gibt es die Wärmebewegung der Moleküle des Ziegelsteins, es gibt die Verdunstung von Wasser... Aber das wird makroskopisch nicht sichtbar, weil sich dies im statistischen Mittel aufhebt.

Das Bewusstsein ist nur ein kleiner Teilbereich unser geistigen / neuronalen Aktivität. In unserer makroskopischen Sicht ist dieser Teilbereich aber alles. Wenn wir jedoch das System von außen mikroskopisch betrachten, sehen wir eben, dass wir keine einzige Nervenzelle bewusst adressieren können. In unserem Bewusstsein / Innenansicht taucht sie nicht auf. Wir merken gar nicht, dass synchron zu unserem Denken Nervensignale im Gehirn ausgetauscht werden und wenn wir etwa mit Drogen oder elektrischen Sonden in diese Prozesse eingreifen, dann verändert sich unser Bewusstsein.

Die antiken philosophischen Konzepte zum Thema Geist definieren den Geist als materiell unabhängige, aber der Materie übergeordnete Kraft. Auch Jesus hat dies so verkündet.


Matthäus 10,28

Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.

Mit der Behauptung, der Geist sei das höhere Prinzip, ist die Ursache Wirkungsbeziehung festgelegt als eine Art Einbahnstraße. Konsequent weitergedacht ist es danach sinnlos nach einem chemischen Mittel zu suchen, das einen Menschen in Narkose versetzt. Hätte man dieses philosophische Konzept in der Naturwissenschaft nicht aufgegeben, wäre man nie zu praktischen Lösungen in der Neurologie gekommen. Wenn wir den Geist nicht mit der Materie gleich setzen, dann müssen wir wenigstens von einer Wechselwirkung des Geistes mit der Materie ausgehen, denn wie sollten sonst die Nervensignale von den Sinnesorganen in unserem Bewusstsein wirksam werden.

Wenn man den Geist als Naturprinzip betrachtet, er gehört ja zu unserer menschlichen Natur, dann ist auch nicht einzusehen, warum dieses Naturprinzip höher eingestuft werden soll. Das wäre so, wie wenn ich die Gravitation höher einstufen würde als die elektrische Ladung. Man hat hier bei der philosophischen Konzeption menschliche soziale Beziehungen, nämlich die hierarchische Ordnung menschlicher Gesellschaften, auf Naturprinzipien übertragen.

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